Mittwoch, 9. November 2016

Gedenken am 09.November: Nie wieder Faschismus, Nie wieder Genozid!


Der 9. November ist ein schicksalhaftes Datum in der deutschen Geschichte: 1989 ist es der Tag des Mauerfalls, für viele in West- und Ostdeutschland bis heute ein Grund zu feiern. Doch kaum jemand feiert heute an diesem Tag. 51 Jahre vor dem Fall der Mauer ereignet sich an ihm einer der dunkelsten Tage der deutschen Geschichte.
 
In der  Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brennt es in Deutschland: Synagogen, jüdische Geschäfte, Privatwohnungen, Friedhöfe und andere Räume jüdischer Menschen werden massenhaft von brutalen SA-Gruppen und weiteren radikalen NS-Anhänger*innen angegriffen, verwüstet, angesteckt und zerstört. Hunderte Menschen werden verletzt, ermordet oder in den Suizid getrieben. Was von der Nazi-Führung später als spontane Aktion durch wütende Bürger*innen dargestellt werden wird, ist ein von ganz oben organisierter Gewaltakt und markiert den Übergang von der bereits Jahre andauernden Diskriminierung in den Genozid.
Heute gedenken wir der Opfer des Holocaust, insbesondere denen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November im Zuge der Reichspogromnacht angegriffen, ausgeraubt und ermordet wurden. 

Während antisemitische Diskriminierung und Gewaltakte in Deutschland vor 1933 nicht unbekannt waren, bedeutete die Machtübernahme durch die NSDAP nun auch starken institutionellen Antisemitismus. Bereits im April '33 erließ die Reichsregierung die Gesetze "zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" und "über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft". Diese sollten ihnen erlauben, politische Feinde und jüdische Menschen von ihren Positionen im Staatsdienst zu entfernen und ihnen etwaige Zulassungen als Rechtsanwälte zu entziehen. Im Zusammenspiel mit dem ebenfalls '33 ausgerufenen landesweiten Boykott der Waren und Dienstleistungen jüdischer Geschäfte, wurden in diesem Jahr die beruflichen Existenzen von ca. 37.000 Jüdinnen* und Juden* zerstört.

1935 kam es zum nächsten brutalen Schritt: Durch die beiden "Nürnberger Rassegesetze" wurde für die antisemitisch-rassistische Ideologie der Nationalsozialist*innen eine juristische Grundlage geschaffen. Sie definierten, wer als "jüdisch" zu gelten hatte, schafften ein System der Bevorrechtung von "arischen" Deutschen und verboten unter Strafandrohung Ehe und sexuellen Kontakt von letzteren zu ersten. Instrumentell zur Vorbereitung der öffentlichen Meinung aus solche Gesetze war die Zeitung "Der Stürmer", die schon seit 1923 ständig Gräuelmärchen über angebliche sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen von jüdischen Männern gegen "arische" Frauen publizierte. 

1938 hatte Nazi-Deutschland dann ein Problem: Ein großes Haushaltsdefizit und ein Schuldenberg standen der Aufrüstung zum lange geplanten Krieg im Wege. Um dieses Problem zu lösen, sollte Kapital der jüdischen Menschen in Deutschland benutzt werden. Dazu sollten sie bis Ende Juni '38 ihr gesamtes Vermögen dem Finanzamt offenlegen. Am 7.November ereignete sich in Paris ein Attentat eines jüdischen jungen Mannes aus Polen auf einen Angestellten der deutschen Botschaft. Dies wussten die NS-Propagandisten und Parteiführer für eine lange geplante Verbrechenswelle zu nutzen. Sie stellten sicher, dass der Meldung darüber in den Zeitungen größtmögliche Prominenz eingeräumt wurde, und örtliche Führer der Partei und der SA organisierten, vorgeblich als Reaktion auf das Attentat massenhaft Angriffe, Überfälle auf jüdische Haushalte und Vandalisierungen von jüdischem Eigentum und Synagogen.

Diese Pogrome erreichten ihr größtes Ausmaß in der Nacht vom 09. auf den 10. November. Jegliches Geld- und Schmuckvermögen jüdischer Familien stahl man dabei; viele von ihnen hatten nach der Pogromnacht kaum mehr als die Kleidung am Körper. Später ließ man dann die Versicherungen der Geschädigten nicht an sie selbst, sondern dem deutschen Staat die Entschädigungen zahlen. So konnte jüdisches Vermögen genutzt werden, um dem Haushaltsdefizit entgegenzuwirken und mit der geplanten Vorbereitung des Krieges fortzufahren. Einige der in dieser Nacht Inhaftierten deportierte man wenig später in die Konzentrationslager; das Ende der bloßen Diskriminierung, der Anfang des Holocaust.

Das nationalsozialistische Feindbild des "Juden" war und ist ein beliebig ausgestaltbares und widersprüchliches. "Juden" sollte eine "rassische" Gruppe von Menschen bezeichnen, jedoch galt auch als jüdisch, wer zum religiösen Judentum konvertiert war, gleich der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit der Eltern und Großeltern. "Die Juden" waren in der NS-Propaganda zugleich großkapitalistische Verschwörer und bolschewistische Revolutionäre; ihr Auftreten angeblich von geringer Hygiene und lumpenhafter Kleidung geprägt - gleichzeitig aber von reich anmutendem Auftreten in teuren Anzügen. Zentral schien nur ihre vorgeblich feindliche Haltung gegenüber den "arischen" Deutschen zu sein, deren Zerstörung ihr Anliegen wäre.
Es zeigt sich deutlich: Das Feindbild des "Juden" in der Darstellung der Nationalsozialisten basiert nicht auf realen Eigenschaften, sondern ist ein Sammelbecken ideologischer Feindbilder. Gleiches gilt für andere verfolgte "Feinde" im dritten Reich. Deswegen ist es schwer, von den Opfern des NS-Regimes als Opfer der "Intoleranz" zu sprechen: Intoleranz ist die "Nicht-Duldung" der Eigenschaften eines oder mehrerer Mitmenschen; der Hass der Nationalsozialist*innen machte sich aber zu keinem Zeitpunkt an realen Eigenschaften fest. Ihre Opfer sind die Opfer ideologischen Hasses.

Dieser Hass ist heute Teil der deutschen Geschichte und die Auseinandersetzung mit ihm sollte zur Identitätsbildung jedes Staatsbürgers* und jeder Staatsbürgerin* gehören. Jedoch wächst seit einigen Jahrzehnten das Unverständnis für die deutsche Schuld und immer mehr Menschen bejubeln wieder die Reden von Nationalist*innen. Deutsche streben wieder nach einem „unverkrampften Patriotismus“, der oft durch eine schwarz-rot-goldene Fahne im Fenster repräsentiert wird. Neben dem Verkennen der Gefahren des Nationalismus, der dem "Patriotismus" identisch ist, gibt der in Deutschland und Europa weiterhin präsente Antisemitismus und ideologische Hass auf weitere Bevölkerungsgruppen einen weiteren Grund zur Sorge vor einer Wiederbelebung des Faschismus. Viele neue Rechte greifen vor Allem die antisemitischen Verschwörungstheorien der Nationalsozialist*innen wieder auf, projezieren ihren Hass und ihre Frustration mit dem demokratischen System auf eine "jüdische Weltverschwörung", repräsentiert durch internationale Banken und Medienhäuser, die Regierungen kontrollieren, Lügen verbreiten und oft einen Kampf zur "Ausrottung" der Deutschen und ihrer Kultur führen sollen; zum Beispiel durch "Chemtrails" und absichtlich ausgelöste Geflüchtetenbewegungen. Diese Menschen sind weder Freidenker*innen noch Antikapitalist*innen und es ist die Pflicht aller Demokrat*innen, sich ihnen in den Weg zu stellen, europa- und weltweit!

In fast ganz Europa erinnern heute die Stolpersteine an die Opfer des Holocaust - an den Orten an denen sie lebten, bevor ihre Leben von einem verbecherischen Regime und seinen Anhänger*innen zerstört wurden. Sie erinnern an Jüdinnen* und Juden*, Sinti, Roma, Schwule und Lesben, Menschen mit Behinderung, Linke und Sozialdemokrat*innen.

Als Zeichen der Bewunderung für die Widerstandskämpfer*innen im Nationalsozialismus und dem Andenken an die Opfer, engagieren wir uns in antifaschistischen Bündnissen und putzen heute die Stolpersteine in Düsseldorf. Es sollte die Aufgabe aller Städte sein, regelmäßig die Stolpersteine in ihren Stadtteilen zu putzen, weil sie sonst nicht nur ihren Glanz sondern auch ihre Intention, nämlich mahnende Kunst zu sein, verlieren. Leider sind sie vielerorts unter Einfluss von Wind, Wetter und Schuhwerk verdreckt.  Eine offene, antirassistische Stadt der gegenseitigen Akzeptanz zu sein, heißt an die Opfer des Hasses 
zu erinnern und alles dafür zu tun, dass sich in Deuschland nie wieder Verbrechen wie von 1933 bis 1945 ereignen.

Linksjugend ['solid] Düsseldorf

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