Sonntag, 29. Juni 2014

Echte Emanzipation erkämpfen! Kapitalismus abschaffen!

Gestern fand in Köln der Alternative CSD statt. Bei nicht ganz optimalem Wetter haben sich ca. 300 Aktivist*innen versammelt, um für echte Emanzipation, eine grenzenlos solidarische und transgeniale Gesellschaft zu demonstrieren.

»Wir sind "nur" der rosa Karneval« - von wegen!

Verglichen mit den traditionellen und inzwischen leider sehr verbürgerlichten Christopher-Street-Demonstrationen war die Demonstration sehr politisch: Die
Überwindung des binären Geschlechtersystems, die noch immer grassierende Verachtung von transidenten Menschen, die mediale Scheintoleranz von Lesben, Schwulen, Trans* und Inter, sowie die Situation von queeren Refugees wurden thematisiert. In den Redebeiträgen wurde - auf den "großen" CSDs beinahe undenkbar - immer wieder Bezug auf die systemischen Zwänge im Kapitalismus genommen. Eine echte Emanzipation ist nicht ohne die Emanzipation vom Kapitalismus und damit seiner Überwindung möglich. Die geschlechtlichen, sozial gemachten "Gegensetzlichkeiten" dienen und unterstützen den Kapitalismus und der ihm innewohnenen Verwertungslogik.

Homophob? Verpiss dich!

Nicht so schön war ein Mensch, der uns homophob und rassistisch beleidigt hat. Das letztlich zeigt aber, wieviel Arbeit noch vor der queeren Community liegt und dass es bei weitem nicht mit ein bisschen Flickschusterei an der Ehe und Adoptionsrechten getan ist. Solange nicht alle Menschen sich so entfalten können, wie sie wollen, so lange nicht das heterosexistische Patriarchat Geschichte ist, werden wir weiter gegen diese Form der Herrschaft demonstrieren!

Stonewall was a riot – CSD is a mainstream party

Hier noch einer der Redebeiträge der Demonstration, der gleichzeitig der Aufruf zum Alternativen CSD war:

CSD – vom Aufstand zum Volksfest

Durch die Ausweitung der „Homo“-Ehe sind Homosexuelle in Deutschland seit letztem Jahr weitgehend rechtlich gleichgestellt.
In einigen Lebens- und Arbeitsbereichen muss die sexuelle Orientierung oftmals nicht mehr verheimlicht werden. Sogar eine der letzten Bastionen scheint gestürzt, seit sich Hitzlsberger als erster Profifußballer unter dem Beifall von Angela Merkel, dem DFB und den meisten deutschen Medien geoutet hat.
Also ist Deutschland jetzt zum Traumland für Homosexuelle geworden?
Noch ein bisschen am Adoptionsrecht rumschrauben, einige schwulenfeindliche deutsche Rapper zur Vernunft bringen und die künstliche Befruchtung erlauben – dann leben die Homos in Deutschland genauso wie die Heteros?

So erscheint die Botschaft vieler Christopher-Street-Day-Demonstrationen und Pride Parades. Anstatt wie vor 45 Jahren auf die Straße zu gehen um für sexuelle Befreiung und Emanzipation zu kämpfen, feiert die schwul-lesbische-Community heute hauptsächlich, dass sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Stonewall was a riot – CSD is a mainstream party

Ein Blick zurück: Am 28. Juni 1969 führte die New Yorker Polizei in der Bar „Stonewall Inn“ eine ihrer üblichen brutalen Razzien durch. Dabei nahm sie gewöhnlich die Personalien der Besucher*innen auf und es kam zu Verhaftungen und Anklagen wegen „anstößigen Verhaltens“.
Am 28. Juni wehrten sich zum ersten Mal Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans*Menschen in der Christopher Street erfolgreich dagegen. Der Tag ging als „Christopher Street Day“ in die Geschichte ein und die LGBT-Bewegung nahm den Kampf auf gegen homo- und transphobe Gewalt, die Willkür staatlicher Behörden, eine rigide Sexualmoral und den Zwang, Homosexualität verstecken zu müssen.
Besucht man heute eine CSD-Parade, bleibt vor allem ein Eindruck: Hinter der Rosa-Glitzer-Rüschen-Fassade sind Schwule und Lesben heute weitgehend im bürgerlichen Mainstream angekommen. Differenz und politische Forderungen auf die Straße tragen ist unerwünscht. Tunten und Dragqueens rufen Gelächter, die kleine Lack-und-Leder-Formation abwertendes Gemurmel hervor: „Die denken nachher, wir sind alle so“.
Der Rosa Winkel, als radikales und provokantes Symbol des Widerstands, scheint ersetzt durch Konzernwerbung und Parteiwahlkampf.

Mehr als rechtliche Gleichstellung

Natürlich wollen wir nicht zurück in die Fünfziger. Durch rechtliche
Gleichstellung und wachsende gesellschaftliche Akzeptanz ist das Leben von vielen Homosexuellen heute besser und einfacher als früher. Aber auch wenn einige Homos in den Genuss bürgerlicher Rechte kommen, bedeutet dies keine wesentliche Veränderung der Ausschlussmechanismen unserer Gesellschaft.
Im Austausch für mehr Rechtssicherheit wird eine Anpassung an
gesellschaftliche Normen vorausgesetzt.
Im Klartext: Homosexuelle ja, aber bitte nur möglichst angepasst,
kompromissbereit und nur nicht zu radikal und schrill. Und natürlich nur mit deutschem Pass.
Das System der Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen, nicht monogam zu leben oder sexuelle „Extravaganzen“ zur Schau zu stellen, ist in der Regel weder in Homo-Kreisen noch gesellschaftlich akzeptiert. Und rechtlich gibt es nach wie vor keine Möglichkeit, eine andere gender-Identität als männlich* oder weiblich* zu wählen oder die Kategorie „Geschlecht“ gänzlich abzulehnen.

Auch andere gesellschaftliche Machtverhältnisse wie ökonomische
Ungleichheit, rassistische Ausgrenzung und Sexismus werden nicht
angetastet: Schwule und Lesben mit Managergehalt stehen 450€-Jobber*innen gegenüber, People of Colour werden an Clubs abgewiesen, während der hippe Schwule seinen Cocktail schlürft; Frauen* erleben auch auf queeren Partys, wie gegrapscht und beleidigt wird.
Unser Leben wird eben nicht nur durch unsere sexuelle Orientierung bestimmt.

Queer refugees not welcome

Doch während deutsche Bürger*innen ihr Land als Paradies der sexuellen Freiheit feiern, sind Homo- und Transssexualität immer noch keine ausreichenden Gründe um politisches Asyl und damit Schutz vor Verfolgung, Gefängnis oder Todesstrafe in Deutschland zu bekommen.
Und dabei kämpfen Geflüchtete gleichzeitig an mehreren Fronten: Sie besetzen Plätze, treten in Hungerstreik, fordern die Abschaffung der Residenzpflicht, ein Ende der Abschiebungen und Zugang zum Arbeitsmarkt, Gesundheitsversorgung und Wohnraum. Menschenfreundlich sind Staat und Bewohner*innen des Paradieses vor allem zu deutschen, weißen Homosexuellen.

(K)Ein Geschlecht oder viele – nur keine zwei !

"Gott schuf den Menschen als Mann und Frau", so predigt nicht nur die Bibel: Medizin, Biologie, offiziellen Dokumente, in denen „Herr“ oder „Frau“ in kleinen, engen Kästchen anzukreuzen sind und jede Toilette des Landes wiederholen diese Message jeden Tag. Als wäre die Idee, dass es nur zwei Geschlechter gäbe und jeder Mensch entweder Mann* oder Frau* sei, von der Natur vorgegeben und als seien es nicht Kategorien, die in den Hirnen von Menschen ausgebrütet wurden.
Doch neben Frau* und Mann* gibt es unendlich viele weitere geschlechtliche Konzepte:
Intergeschlechtliche, Transgender, Menschen, die eine Geschlechtsangleichung erfahren haben oder nicht, und andere, die mit Geschlechtern spielen oder sich keinem Geschlecht zuordnen wollen, wie Tunten, Dragkings und –queens oder schwule Frauen und lesbische Männer.
Diese geschlechtliche Vielfalt hat keinen Platz in einem binären
Geschlechtersystem, das alles als „krank“, „unnatürlich“ und defizitär
erklärt, was sich nicht einordnet.
Die Zwangsoperationen an intergeschlechtlichen Kindern sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.
Wir haben es satt, ignoriert, belächelt oder angefeindet zu werden:
Wir sind wie wir sind. Und wunderschön!

Liebes, die Krise heißt Kapitalismus...

Die Finanzkrise der letzten Jahren zeigt, wie krisenanfällig der
Kapitalismus ist: Wir sind wohl doch nicht am „Ende der Geschichte“
angekommen, wie Ökonomen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geglaubt haben. Alternativen zum Kapitalismus sind wieder denkbar und werden öffentlich gefordert.
Bei den Protesten um den Gezi-Park in Istanbul waren queere und
feministische Gruppen maßgeblich beteiligt und forderten eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft.
Nicht zufällig sind die Proteste in Ländern wie Spanien, Griechenland und der Türkei besonders stark. Die schlimmsten Auswirkungen haben die Bankencrashs auf die Menschen im globalen und europäischen Süden: Der Internationale Währungsfonds, die EU-Kommission und die europäische
Zentralbank setzen mit Unterstützung der deutschen Regierung
Kürzungsprogramme durch.
Die Folgen sind Massenarbeitslosigkeit, fehlende Gesundheitsversorgung, Zwangsräumungen von Wohnungen und
Wohnungslosigkeit. Nicht zufällig erleben viele Länder zeitgleich einen Rechtsruck: Rassistische Verfolgung und Abschiebungen nehmen zu, Homosexualität ist in immer mehr Ländern gesetzlich strafbar und in Spanien wurde das Abtreibungsrecht so stark eingeschränkt, dass es faktisch nicht mehr gewährleistet ist.

Home, sweet home?

Auch wenn die Auswirkungen in Deutschland nicht so drastisch sind: Die Krise macht auch vor unserem Leben keinen Halt: Restriktive HartzIV-Gesetze, horrende Mietsteigerungen und Luxussanierungen in den Städten sowie Kürzungen in der sozialen Infrastruktur verschlechtern die Lebensverhältnisse vieler Menschen.
Um bei der Arbeit „funktionieren“ zu können, brauchen wir umso mehr Erholung.
Doch wer kümmert sich um die Reproduktion, um das Wieder-fit-Sein?
Ohne ausreichend KiTa-Plätze und angemessene Versorgung von pflege- und hilfsbedürftigen Menschen bleibt die emotionale, (ver)sorgende, erzieherische und haushälterische Arbeit mehrheitlich an Frauen* hängen.
Daran ändert auch nichts, dass manche heute genug verdienen, um die Arbeit abzugeben - an andere, ökonomisch schlechter gestellte *Frauen, die häufig keinen deutschen Pass haben.

Homophober Flashback:

Die Rechten trauen sich mit ihrem Protest gegen Homosexualität wieder an die Öffentlichkeit: Die Reaktionen auf den „Bildungsplan“ in Baden-Württemberg von selbst ernannten „Besorgten Eltern“ und christlichen Fundamentalist*innen zeigen auch eine reaktionäre Sehnsucht nach einer kleinen, überschaubaren Welt der heterosexuellen Kleinfamilien. Es gibt eine neue Angst vor dem Verfall der vermeintlich geteilten christlich-abendländischen Werte und vor Überfremdung durch Homosexuelle – es ist fast zum Lachen.

Grenzenlose Solidarität und transgeniale Zustände!

Wenn wir am historischen Datum der Stonewall-Aufstände auf die Straße gehen, blicken wir erinnernd auf die queeren Vorkämpfer*innen für eine befreite Gesellschaft. Wir wollen mehr als nur eine sexuelle Befreiung.
Wenn wir von Emanzipation sprechen, dann meinen wir keine Gleichstellungsbeauftragten und Wahlkampf-Blumensträuße.
Wir reden über nichts weniger als darüber, das Zweigeschlechter-System über Bord zu werfen , nationale Grenzen abzuschaffen, den Kapitalismus zu überwinden und in Solidargemeinschaften statt in heteronormativen Kleinfamilien zu leben, kurz gesagt:

Einer grenzenlos solidarischen, transgenialen Gemeinschaft.

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