Samstag, 21. Dezember 2013

Schmutzige Wäsche

Am letzten Dienstag wurde in Düsseldorf die weltweit 267. Filiale der Mode-Kette „Primark“ eröffnet. 
Schon ab 8 Uhr morgens standen die ersten Einkaufslustigen vor der noch verschlossenen Tür in der Kälte, um direkt nach der Durchtrennung des blauen Bandes die überdimensionalen Einkaufskörbe an sich zu reißen und Klamotten über Klamotten hineinzuwerfen. Schule, Arbeit – an diesem Dienstag war alles egal, denn das Konsumparadies Primark stellte sich auf bescheidenen 5700 Quadratmetern den Opfern des Kapitalismus zu Verfügung.

Doch wer hier die wirklichen Opfer sind, darüber lässt sich wie immer streiten. Denn selbst pubertäre 15-Jährige wissen vermutlich, dass sich ein 2€-Tshirt nicht produzieren lässt, ohne dass irgendjemand den Preis dafür bezahlt. 12 Stunden am Tag, 6 Tage die Woche und von Urlaub oder gar Mutterschutz ist selbstverständlich gar nicht zu reden: das ist die Realität einer Näherin in Bangladesch. Mehr arbeitet auch ein Prädikats-Jurist in einer Düsseldorfer Großkanzlei nicht, nur dass dieser dafür ein Vermögen anhäuft, das sich sehen lassen kann. In Bangladesch dagegen sind die Arbeitskräfte noch einmal um einiges billiger als in China und Umweltauflagen sind faktisch nicht vorhanden. 
Und – wer hätte es gedacht – hier ist der Ort der Wahl für die Produktion der Klamotten unseres Mode-Riesen Primark. Gesundheitsschäden, Zwangsüberstunden, schlechte Bezahlung, gefälschte Arbeitsverträge und körperliche Übergriffe am Arbeitsplatz sind an der Tagesordnung. Der Einsturz einer der Textilfabriken in Bangladesch mit über 1000 Toten im April dieses Jahres war nur die Spitze des Eisberges. Auch Primark produzierte in besagter Fabrik und entschädigte die Angehörigen mit der Zahlung drei weiterer Monatsgehälter. Selbst einem Unternehmen wie Primark sollte klar sein, dass es damit nicht getan sein kann. Greenpeace-AktivistInnen kritisieren zudem die verwendeten Chemikalien bei der Produktion der Klamotten von Primark. Diese würden in den Produktionsländern ungefiltert in die Flüsse geleitet und bei den TextilarbeiterInnen könnten sie schwere Gesundheitsschäden hervorrufen. Während Unternehmen wie H&M sich kooperativ zeigten und sich Mühe gäben, transparent zu arbeiten, weigere sich Primark noch immer, die Liste ihrer Zulieferer und Fabrikanten herauszugeben. 
Zusätzlich wird bei Primark schnelle Mode produziert – das bedeutet neue Kollektionen alle paar Monate. Dieser schnelle Wechsel übt Druck auf die Produktionsfirmen aus und wieder sind es die ArbeiterInnen am untersten Ende der Nahrungskette, die den Druck ausbaden müssen.

Natürlich kann und muss man damit argumentieren, dass fast alle Mode-Labels ihre Kleidung unter besagten Missständen produzieren lassen. Ob Mango, Zara, H&M oder Lacoste - sie alle lassen in Billiglohnländern produzieren und kümmern sich nicht oder nicht glaubwürdig um zwangsläufig damit einhergehende verheerende Folgen. Doch mit dem Primark-Konzept wird die Propagierung der Wegwerf-Gesellschaft auf die Spitze getrieben. 
Auf vier Stockwerken türmen sich Klamotten, die oft nicht teurer sind als ein belegtes Brötchen. In Einkaufskörbe in der Größe eines Kleinkindes stopfen die SchnäppchenjägerInnen dann alles, was sie in die Finger kriegen. Doch während es in einer Filiale wie Düsseldorf um die 60 Kassen gibt, sind Umkleidekabinen Mangelware. An diesen muss man dann 45 Minuten anstehen, um am Ende festzustellen: Es dürfen nur sechs Teile mit in die Umkleidekabine genommen werden. Da steht nun der/die ratlose KonsumentIn – und entscheidet sich dafür, nur 6 Teile anzuprobieren und den Rest einfach so mitzunehmen. Denn hey – die Teile kosten ja nur 4 Euro. Besonders gefuchste BürgerInnen im Kaufrausch probieren es damit, sich direkt auf der Verkaufsfläche in die Klamotten zu zwängen. Doch das mag der/die Primark-FilialleiterIn gar nicht. Denn das zerstört die Verkaufsstrategie. Die Mitarbeitenden sind dazu angehalten, ein solches Fehlverhalten, sobald gesichtet, sofort zu unterbinden. Vorsorglich hat das Unternehmen die Anzahl der Spiegel auf den Verkaufsflächen aufs Nötigste reduziert. Damit der Kunde ja nicht auf die Idee kommt, das, was er eigentlich kaufen soll, hässlich zu finden. Oder gar unnötig. Und so kaufen sie und kaufen, meist ohne Anprobe, denn die Schlange ist lang und zur Not kann das, was nicht gefällt, ja im Nachhinein umgetauscht werden. Doch einmal zu Hause angekommen überlegt sich der/die KundIn zwei Mal, sich den Primark-Wahnsinn wegen des Kleides, das nicht ganz perfekt sitzt und des Cardigans, bei dem an der Seite schon zwei Fäden herausgucken, noch einmal anzutun. Denn es hat ja beides nur 6 Euro gekostet.
Viel kaufen, viel verkaufen – Primarks Konzept geht auf.
Ein Produkt, ein angefertigtes Fabrikat, in dem Arbeit steckt; Fasern, Stoff, Schnitt, Nähte, Verfrachtung, Transport und schließlich die Auslage im Laden: das alles wird hier zusammengestaucht in ein leicht ersetzbares, nicht beachtungswürdiges Objekt, dessen Wert kaum den des Drecks auf dem Boden übersteigt, auf dem es liegt. In dieser Wegwerf-Gesellschaft leben und dieses Verhalten unterstüzten Primarks KäuferInnen.

Liebe Freundinnen und Freunde der Mode: Es ist kein Verbrechen, sich schön anziehen zu wollen. Es ist auch kein Verbrechen, dafür wenig Geld bezahlen zu wollen. Aber die Frage ist doch: Welchen Preis sind wir bereit, dafür zu bezahlen? Und vor allem: Welchen Preis sind wir bereit, andere dafür bezahlen zu lassen? 

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